Abgasskandal: Winterkorn wartet noch immer auf Vernehmung

Volkswagen müsse "anständiger werden", und zwar "über alle Hierarchieebenen hinweg". Bei Volkswagen allerdings sei dies bis in die jüngere Vergangenheit hinein "eindeutig zu viel" geschehen.

Ihm wird vorgeworfen, VW-Ingenieure ab 2012 dazu angehalten zu haben, den Betrug bei den Abgasmessungen zu verschleiern. Ihm drohen einem Gerichtssprecher zufolge bei einer Verurteilung bis zu 25 Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 275.000 Dollar.

Für Winterkorn ändert sich dadurch erst einmal fast nichts. Er ist angeklagt, aber noch nicht verurteilt. Läge in Deutschland aber kein Haftbefehl vor oder wird innerhalb einer bestimmten Frist auch keiner angestrebt, könnte Winterkorn von einem EU-Mitgliedsland an die USA ausgeliefert werden. Die US-Behörden sind ihr in dieser Hinsicht absolut ebenbürtig. Diese wurden an den damaligen Konzernchef Winterkorn weitergeleitet.

Winterkorns Verteidiger Felix Dörr sagte dem "Handelsblatt": "Wir sind über die Anklage erstaunt".

Der Anklage zufolge habe sich das "Komplott" zum Umgehen der US-Gesetze über "den ganzen Weg bis zur Spitze des Unternehmens" erstreckt, erklärte US-Justizminister Jeff Sessions. Der Vorwurf gegen Winterkorn laute: Teil einer Verschwörung zum Verstoß gegen US-Umweltgesetze gewesen zu sein. Winterkorn war bereits im Mai 2015 in einer Aktennotiz über eine US-Studie zu Unregelmäßigkeiten bei Abgaswerten von VW informiert worden. Der Vorwurf: Aktionäre seien zu spät über die Betrügereien informiert worden. Der SPIEGEL berichtete darüber bereits im Juli 2016.

Anleger haben wegen erlittener Kursverluste auf Schadenersatz in Milliardenhöhe geklagt, da die VW-Aktie nach Bekanntwerden des Skandals auf Talfahrt ging. "Wir prüfen das und werden uns zu gegebener Zeit äußern", hieß es. Es sei zu vermuten, so Gottweis, "dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorsteuergeräte-Software implementiert hat (sogenanntes defeat device)". Winterkorn pflegte einen engen Draht zum Betriebsrat, war ungeachtet des Zitterns vieler Ingenieure und Designer vor seinem Urteil insgesamt hoch anerkannt. Auch in Deutschland wird gegen den früheren "Mr. Volkswagen" und andere Manager ermittelt. Doch jeder, den die US-Behörden im Verdacht haben könnten, persönlich in den Skandal eingebunden gewesen zu sein, muss weiter zittern. Im Jahr 2000 zog er in den VW-Konzernvorstand ein, das oberste operative Gremium, und verantwortete dort die Forschung und Entwicklung. Ihr Titel: "Dieselfahrzeuge USA, Testzyklus: Behördenstrategie". Bei den internen Untersuchungen von Volkswagen soll der Jurist dieselben Angaben gemacht haben wie bei der Staatsanwaltschaft. Winterkorn habe dem zugestimmt. "Es wäre nicht angemessen, zu individuellen Verfahren Stellung zu nehmen", hieß es weiter.

Was die Amerikaner, deren Präsident Donald Trump gerade im Zollstreit auch gegen deutsche Autobauer Front macht, dem Vernehmen nach besonders wurmt, ist die "Geheimiskrämerei" bei Volkswagen. Ein Großteil der Klagen wurde in den USA bereits durch milliardenschwere Vergleiche abgeschlossen. Für den einst mächtigsten Auto-Manager Deutschlands gilt die Urlaubsdevise: Besser nach Sylt, bloß nicht der Verlockung Floridas erliegen! In Deutschland ermittelt derweil die Staatsanwaltschaft Braunschweig unter anderem wegen Betrugsverdachts weiter gegen Winterkorn. Akteneinsicht stellen die Ermittler den Anwälten der Beschuldigten - neben Winterkorn wird noch gegen 38 weitere Manager ermittelt - im Sommer in Aussicht. Seit 2006 habe VW die Abgase von Dieselmotoren manipuliert und die US-Behörden und die Kunden jahrelang wissentlich getäuscht. Und der bei VW, mit dem Patriarchen Ferdinand Piëch hinter sich, nahezu freie Hand hatte.

Dieser Schatten hat sich gestern noch einmal deutlich vergrößert.

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