Thomas Müller zeigt Verständnis für Reservistenrolle

Weil er endlich den Umbruch einleitet.

Einmal hinschauen, zweimal hinschauen, doch, doch, es war schon Joachim Löw, der da in der Pressekonferenz auf dem Podium saß.

Der gute Auftritt in Paris täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass weiterhin atmosphärische Spannungen zwischen den selbstbewussten Youngstern und den arrivierten Spielern bestehen. Besonders der Nationaltrainer darf Genugtuung aus dem Spiel ziehen: Joachim Löw hat sich in punkto Aufstellung und Taktik als lernfähig erwiesen und darf sich seines Jobs voererst wieder sicher sein.

Dienstagnacht hingegen hatte Bierhoff Lust zu reden. Durch die historische Niederlage droht dem Löw-Team weiter der Abstieg.

Die DFB-Mannschaft hat erwartbar mit 1:2 gegen Frankreich verloren. Das war bereits die sechste Pleite 2018. "Wir haben noch drei, vier Spieler vom WM-Erfolg 2014. Von daher ist Thomas weiter absolut wichtig".

"Ich denke dabei an Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng".

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff, der nach dem Nackenschlag in Amsterdam noch auf Tauchstation gegangen war, nun aber in Paris wieder Stellung bezog, erfreute sich an "Energie, Mut und Willen". "Sie haben eine enorme mediale Macht, die es ihnen erlaubt, immer noch Stammspieler bei Bayern München und in der Nationalmannschaft zu sein, obwohl sie dafür nicht mehr das Niveau haben". Beim letzten Duell im französischen Nationalstadion vor drei Jahren hatten viele der aktuellen Spieler beim 2:0 der Équipe tricolore die Terroranschläge miterlebt. Das führt jetzt dazu, dass die Alarmstufe Rausschmiss für Löw vorerst ausgesetzt wird.

"Bei der Bewertung eines Trainers geht man nicht nur von den Ergebnissen aus, die natürlich in der Distanz kommen und da sein müssen". Vor allem muss man eine Entwicklung sehen, dass der Trainer die Mannschaft erreicht und Dinge umgesetzt werden, die trainiert oder eingefordert werden. Und die gab es in Paris erstmals seit Monaten. Die deutsche Mannschaft konnte die eigene Dominanz in der zweiten Halbzeit nicht erhalten.

Die auf Fifa-Weltranglistenplatz zwölf abgeschmierte DFB-Auswahl lieferte eine Stunde lang die mit Abstand beste Leistung in diesem Kalenderjahr ab.

Auch das flexibel anmutende 3-4-3- oder auch 3-4-2-1-System dürfte eine Zukunft haben. Der Gegner im Stade de France ist der schwerstmögliche, der Weltmeister. "Diese Niederlage fühlt sich ein bisschen anders an als am vergangenen Samstag gegen Holland", sagte Löw. "Und am Ende, jetzt wissen wir es, gewinnt immer Frankreich und lässt Deutschland in tiefen Selbstzweifeln zurück". "Und bei der Entscheidung zwischen dem sicheren Tod und einem, der nur wahrscheinlich ist, hat Löw sich dafür entschieden, gegen sich selbst und seinen Niedergang zu rebellieren".

Die deutsche Niederlage hatte aber ihre unübersehbaren positiven Seiten. Die Leistung sei "großartig" gewesen, "nur das Ergebnis stimmt nicht". Und dann sagte er noch, sein Team sei "auf Augenhöhe gewesen mit der besten Mannschaft der Welt". Warum aber hat er nicht schon früher auf einen neuen Jugendstil gesetzt?

Löw bleibt gelassen: "Ich kann Kritik einordnen", so der 58-jährige Schwabe. "Manchmal sind sie falsch, manchmal sind sie richtig". "Wir haben ein offenes Verhältnis beim DFB", bemerkte Löw: "Wenn es irgendwann mal eine andere Lösung geben wird, dann wird man rechtzeitig und in Ruhe darüber sprechen". Ob er nun auf seine Jugendfraktion mit Timo Werner (22), Julian Brandt (22), Leroy Sané (22) und vielleicht sogar Serge Gnabry (23) setzt? In der 80. Minute war es abermals Griezmann der die Partie durch einen Elfmeter drehte. "Völlig unberechtigt", ärgerte sich Löw. Er hatte ein "Stück Umbruch gesehen", das "Mut macht für die Zukunft". Sie hat ihn zum Umdenken gezwungen.

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